
„Darf man als Nicht-Schotte überhaupt schottisch heiraten?“
Warum Menschen sich in Schottland verlieben
Wer einmal Zeit in Schottland verbracht hat, versteht oft sehr schnell, warum Menschen sich emotional mit diesem Land verbunden fühlen. Manchmal beginnt das mit Filmen oder Serien, manchmal mit Familiengeschichte oder einer Reise, die einen nicht mehr loslässt. Und manchmal ist es einfach ein Gefühl, das sich schwer erklären lässt.
Viele Paare, die zu mir kommen, tragen diese Begeisterung schon lange in sich. Sie lieben die Landschaft, die Stimmung, die Musik, die Geschichte oder dieses schwer erklärbare Gefühl von Weite und Tiefe, das Schottland für viele Menschen hat.
Und ich halte das nicht für oberflächlich oder romantisiert. Ich finde, darin liegt etwas sehr Schönes: wenn Menschen sich ehrlich für einen Ort und seine Kultur öffnen.
Vielleicht erkenne ich dieses Gefühl auch deshalb so gut, weil ich selbst aus Österreich komme und inzwischen seit 27 Jahren in Schottland lebe. Es gibt ein Foto von mir als kleines Mädchen in einem Tartankleid, das meine Mutter, die Schneiderin war, genäht hat. In meiner Familie ist das bis heute ein Running Gag, dass wohl schon damals klar war, wohin es mich einmal verschlagen würde.
Damals hätte allerdings niemand gedacht, dass ich irgendwann hier leben und Hochzeitszeremonien für internationale Paare gestalten würde.
Schottische Traditionen wollen geteilt werden
Was viele überrascht: Schottland geht mit seinen Hochzeitstraditionen meist erstaunlich offen um.
Elemente wie Handfasting, Tartan, Kilts oder bestimmte symbolische Rituale werden hier nicht als etwas betrachtet, das streng „nur Schotten“ vorbehalten wäre. Im Gegenteil. Ich erlebe sie eher als ein großzügiges Angebot an Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden, in Schottland zu heiraten.
Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass einfach alles beliebig kombiniert werden sollte. Man spürt meist ziemlich schnell, ob etwas wirklich zum Paar passt oder eher wie eine zufällige Sammlung schöner Pinterest-Ideen wirkt.
Für mich liegt der Unterschied vor allem darin, ob etwas wirklich Bedeutung bekommt oder am Ende doch eher Dekoration bleibt.
Wenn Rituale nur übernommen werden, weil sie hübsch aussehen, verlieren sie oft ihren eigentlichen Charakter. Wenn Paare sich aber wirklich damit beschäftigen, verstehen, was dahintersteht, und eine ehrliche Verbindung dazu spüren, entsteht meist etwas sehr Stimmiges.
Vielleicht ist deshalb die bessere Frage nicht: „Dürfen wir das?“ Sondern eher: „Warum fühlt es sich für uns richtig an?“
Wenn man sich diese Frage stellt, ist das nichts Schlechtes
„Wir lieben die Idee einer schottischen Zeremonie… aber dürfen wir das eigentlich?“
Diese Frage begegnet mir erstaunlich oft. Manchmal ganz direkt ausgesprochen, manchmal eher vorsichtig zwischen den Zeilen. Besonders häufig höre ich sie von Paaren aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz, aber auch von Paaren aus den USA oder Kanada, die sich für eine Hochzeit in Schottland entscheiden.
Und ehrlich gesagt finde ich diese Frage überhaupt nicht unangenehm oder übervorsichtig. Im Gegenteil. Für mich zeigt sie vor allem eins: Respekt.
Denn dahinter steckt meist der Wunsch, mit einer anderen Kultur achtsam umzugehen. Nichts einfach nur „schön“ zu finden und ungefragt zu übernehmen, sondern sich Gedanken darüber zu machen, was etwas bedeutet und wie man damit umgeht.
Der Begriff „kulturelle Aneignung“ taucht in solchen Gesprächen inzwischen immer häufiger auf. Und manchmal wirkt er fast ein bisschen einschüchternd, weil er schnell sehr theoretisch oder moralisch klingt. Im Kern geht es bei Hochzeiten aber meistens um etwas viel Einfacheres: Nutzt man Traditionen nur als hübsche Kulisse oder entsteht eine echte Verbindung dazu.


Und wie ist das mit dem Kilt?
Auch das Thema Kilt beschäftigt viele internationale Paare erstaunlich stark. Vor allem manche Bräutigame fragen mich vorsichtig, ob das nicht vielleicht „zu viel“ sei oder ob Schotten das als unangemessen empfinden könnten.
Meine Erfahrung ist ganz klar: Nein.
Wenn jemand einen Kilt trägt, weil er sich mit Schottland verbunden fühlt und diesen Ort bewusst in seine Hochzeit einbeziehen möchte, wird das hier normalerweise nicht kritisch gesehen. Ganz im Gegenteil. Die meisten Menschen empfinden es als Wertschätzung.
Für mich ist dabei entscheidend, wie etwas getragen oder eingebunden wird. Mit Respekt, mit Freude und mit echtem Bezug. Nicht die Nationalität oder Herkunft.
Kultur kann auch etwas sein, in das man hineinwächst
Vielleicht liegt genau darin der Punkt, der mir persönlich wichtig ist.
Kultur ist nicht immer nur etwas, in das man hineingeboren wird. Manchmal ist sie auch etwas, zu dem man mit der Zeit eine echte Beziehung entwickelt. Durch Erfahrungen, durch echtes Interesse, durch Begegnungen und dadurch, dass man einem Ort Raum im eigenen Leben gibt.
Und Hochzeiten sind oft genau solche Schnittstellen. Zwei Menschen, unterschiedliche Geschichten, verschiedene Herkunftsländer, gemeinsame Sehnsüchte und neue Verbindungen.
Deshalb versuche ich in meinen Zeremonien immer, schottische Elemente nicht einfach nur „einzubauen“. Sie sollen zum Paar passen, Teil ihrer Geschichte werden und sich organisch in die Zeremonie einfügen. Denn genau das verändert oft die ganze Wirkung. Dasselbe Ritual kann völlig unterschiedlich wirken, je nachdem, ob es nur dekorativ eingesetzt wird oder ob es wirklich Bedeutung tragen darf.
Wenn ihr euch also fragt, ob ihr als internationales Paar „schottisch genug“ für eine Hochzeit in Schottland seid, dann würde ich sagen: Allein dass ihr euch diese Gedanken macht, ist bereits ein sehr guter Anfang. Nicht, weil es darauf eine perfekte oder allgemeingültige Antwort gäbe. Sondern weil genau diese Achtsamkeit oft der Grund ist, warum sich eine Zeremonie später ehrlich, respektvoll und echt anfühlt.
Und falls ihr euch bei manchen Dingen unsicher seid, dann gehört auch das ganz selbstverständlich zum Prozess dazu.
